Türöffner – zu was für eine Welt?

Türöffner – zu was für eine Welt?

Die Zeitschrift Schweizer Bauer widmete das Dossier ihrer Samstagausgabe vom 15. November den Stadtgärtnern. Im Trend sind auch die englischen Ausdrücke urban gardening, urban agriculture und urban farming. Das Phänomen des urbanen Gartenbaus konkurrenziere die Schweizer Landwirtschaft nicht, schreibt der Schweizer Bauer. Im Gegenteil, sie biete den Bauern Chancen. Unter anderem als Türöffner für eine entfremdete Stadtbevölkerung, die sich der Nahrungsmittelproduktion wieder annähern will. Auch Landwirtschaftsbetriebe, die sich in Stadtnähe befinden, wie zum Beispiel der Juchhof in Zürich, nehmen eine wichtige pädagogische Funktion war. Also – und dies ist nun Stadtschnuggenlogik:

wenn ein Stadtkind einmal Schafe auf einem solchen Hof füttern durfte, wird es früher oder später Interesse für die landwirtschaftliche Tierhaltung im Allgemeinen zeigen.

Ich nahm diese Woche die Gelegenheit wahr, mit einem äthiopischen Gast den Stadtzürcher Juchhof zu besuchen. Für meinen Gast würde es sicherlich spannend sein, den Blick in eine Landwirtschaft zu werfen, die in seinem Heimatland Äthiopien doch so ganz anders ist.

Enttäuschend war, um es grad vorwegzunehmen, dass der Juchhof keine Schafe hält. Warum eigentlich nicht? Aber lassen wir das, anregend war der Besuch allemal, denn der Juchhof erweist sich als Türoffner zu zwei sehr unterschiedlichen Welten.

In der einen Welt gab ein freundliches Personal bereitwillig Auskunft und liess deutlich erkennen, das uns alle Türen offen standen. Ein Mitarbeitender zeigte spontan den riesigen Heustock während eine andere Mitarbeiterin geduldig erklärte, dass die Betreuung der Schulklassen auf einem gut ausgedachten, pädagogischen Konzept aufgebaut sei. Die Kinder lernen zum Beispiel, dass Tiere regelmässig gefüttert werden wollen und dass sie für die Kaninchen nicht irgendwelches Gras, sondern ganz bestimmte Kräuter von der Wiese holen müssen.

In der anderen Welt hingegen empfängt und entlässt ein Roboter eine Kuh nach der andern in den vollautomatisierten Melkstand. Die enthornten Hochleistungstiere tragen Halsbänder mit Transpondern, damit der Computer sie erkennt. Haushoch aufgetürmte weisse Silageballen, riesige Güllesilos und ein schwerer Maschinenpark verraten die industrielle Nahrungsmittelproduktion. Es ist eine Welt, die im Grunde genommen entfremdet, denn sie lässt denken, dass die Nahrungsmittelproduktion eine Sache der Maschinen sei. Das ist sie nicht. Sie ist primär Sache der Berührung und des gegenseitigen Umgangs von Mensch, Tier, Pflanze und Boden. Mein Gast aus Äthiopien kennt diesen direkten Umgang bestens, durfte er doch als Kind bereits eine eigene kleine Schafherde über die Weiden führen.

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